dunkle nacht
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Dunkle Nacht legt sich über die Stadt. Jeder, der noch bei Sinnen ist, hat sich längst in seiner Wohnung verkrochen oder befindet sich in einem Lokal. Nur einige unglückliche Seelen arbeiten sich ihren mühsamen Weg nach Hause. Arbeiten gegen den eisigen Wind, gegen die Schneeflocken, die wie kleine Hochgeschwindigkeitsprojektile umherjagen, um schließlich im Gesicht eines der Unglücklichen zu landen und diesen mit tausenden seiner Kollegen fast zum Wahnsinn zu treiben. Fast zum Wahnsinn. Nur fast.
Ich streife unauffällig in den leeren Straßen umher, inspiriert von der Unheimlichkeit dieser Nacht. Ich bin sehr aufmerksam. Nichts darf mir entgehen. Zu dieser Zeit treibt sich so manches Gesindel in der Stadt herum. Es ist gefährlich. Doch anders gesehen gehören Leute, die sich jetzt umhertreiben bestraft. Für ihre Dummheit. Ihre Naivität. Oder für ihren Hochmut. Ausgerottet gehören sie. So wie viele andere auf dieser Welt, die es nicht verdient haben. Egal, was sie nicht verdient haben. Ich bin heute ohne Waffen auf die Straße gegangen. Ich fühle mich sicher. So wie meine Opfer. Ich beobachte jedes Haus ganz genau. In fast jedem Fenster scheint das elektrische Licht der Welt. Ich beobachte Familien beim Essen, Mädchen beim Lesen, Jungen beim Fernsehen. Und dann bewundere ich wieder die leeren Straßen. Die Stadt gehört mir, und das weiss ich. Nicht einmal die Schneeflocken, die immer wieder hart gegen mein Gesicht prallen, haben eine Chance gegen meine Macht. Doch was sehe ich da? Es hat sich doch tatsächlich ein Unwissender in mein Reich gewagt. Ich kann nicht erkennen, ob es ein Mann oder eine Frau ist. Die Person stapft durch den mittlerweile hohen Schnee. Die Fußstapfen verwehen sich schnell wieder, doch ich kann erkennen, dass sie aus der Stadt kommen. Ich verfolge die Person.

Der Mond scheint hell. Es sind sicher viele Wolken am Himmel, doch keine wagt es den Schein des mächtigen Erdtrabanten abzuhalten. Nicht wenn ich auf der Jagd bin.

Es ist ganz Still. Eine eisige Stille. Ich würde gerne die Gedanken meines Opfers erfassen, doch ich bin noch nicht mächtig genug. Ich hoffe nur, dass es in kein Auto einsteigt, bevor ich zuschlagen kann.

Es war eine Nacht wie jede andere. Der frisch zum Leutnant beförderte junge Polizist hatte, wie jeden Donnerstag, Streife. In der Nacht. Allein. Er konnte froh sein, seinen Job überhaupt noch ausüben zu dürfen, denn bei der letzten "Personalumstrukturierung" wurde an einigen Dienstposten eingespart. Doch er dachte gerade an andere Sachen. An Weihnachtsgeschenke, Fußballvereine und Porno-Magazine. Er sah den drei Mädchen nach, die sich in einen kleinen Wagen zwängten, um schnellstmöglich der Kälte zu entkommen. Er war ein glücklicher Mensch. Würde ich ihn kennen, ich würde ihn töten.

Doch das würde nicht der Harmonie der Situation entsprechen. Er verbot ein paar Jugendlichen, die ohne Licht mit dem Rad unterwegs waren, die weiterfahrt. So wie das jede Nacht einige Male geschieht. In seiner ihm voll bewussten Glücklichkeit bog er um die Ecke, um eine Störung in der Harmonie seines Tagesablaufes zu bemerken. Er sah also diese absolut unerwartete Situation auf sich zukommen, und seine Welt brach zusammen. Er hatte schon seit seiner Ausbildung auf so etwas gewartet, doch er war in genau dieser Situation nicht darauf vorbereitet.

Ich hörte nur einen Schuss aus dem Westen. Ich drehte mich sofort zu meinen Kollegen um und sie bestätigten mir, dass es keine Einbildung war. Ich deutete dem Funker, dass er alle Streifen anfunken sollte, um vielleicht mehr darüber herauszufinden. Es könnte auch nur ein Böller gewesen sein. Doch man muss auf alles vorbereitet sein. Ich lief sofort mit Ludwig zum Wagen. Er war am Steuer, ich übernahm den Funkverkehr. Ich konnte mit Schwalbe 3 in Kontakt treten, die den Schuss auch gehört hatte. Als wir am Tatort ankamen, bot sich mir ein schreckliches Bild. Eine bis zur Unkenntlichkeit verstümmelte Leiche, ein paar Meter entfernt der junge Polizist, der hier Streife hatte. Die Pistole halb in den Mund gesteckt und mit einem dreifingergroßen Austrittsloch im Hinterkopf. Er hatte sich anscheinend selbst gerichtet. Im Gegensatz zu der ersten Leiche. Es sieht ganz so aus, als hätte dieser Perverse wieder zugeschlagen...